Indigene Weisheiten im hohen Norden: Ein Interview mit Pedro Inkari von Hanna Meiners
Inkari, du arbeitest schon seit vielen Jahren im Norden Europas. Kannst du mir etwas über deinen Hintergrund erzählen?
Ich bin in Peru geboren. Sowohl die Eltern meines Vaters und meiner Mutter waren große Hüter des alten Wissens. Sie haben mich schon seit meiner Kindheit die Bräuche und Praktiken der indigenen Völker gelehrt. Der Vater meiner Mutter, war ein berühmter und kraftvoller Heiler. Er kam aus einer nördlichen Region in Peru, die bekannt für ihre Heiler war. Aber auch der Vater meines Vaters kannte sich mit Heilkräutern aus und hatte die Fähigkeit in die Zukunft sehen. Meine Großmutter mütterlicherseits, war eine sehr weise und starke Frau. Sie war das Zentrum einer großen Familie mit 10 Kindern. Sie lehrte mich sehr viel über Nahrungsmittel und Pflanzen. Außerdem unterrichteten mich meine Verwandten über die Zeremonien und Festlichkeiten, über den Anbau und über die Tiere. Ich hatte die natürliche Sensibilität für Energie, und ich glaube, das wusste meine Familie. Daran lag es wohl, dass sie sich bei meiner Ausbildung viel Mühe gab und mich auch auf längere Reisen mitnahm, auf denen ich viel lernen konnte.
War es für dich immer schon klar, dass du andere unterrichten würdest oder gab es zum Beispiel ein besonderes Ereignis, durch das dir dieses bewusst wurde?
Ich hatte eine Tante, sie war Medizinfrau, die mit Kräutern zu heilen wusste. Und sie erzählte mir, dass ich als Kind immer Arzt spielte und die anderen Menschen heilte. Es war also etwas ganz Natürliches für mich.

Du erwähntest am Anfang das Thema Ernährung, als du über Nahrungsmittel und Pflanzen sprachst. Wie sieht diese ganz konkret aus?
Zurzeit ernähre ich mich vegetarisch und zwar so, dass die Hälfte meiner Nahrung roh ist. In der Sommerzeit gehe ich dann schrittweise von Rohkost zur Lichternährung über, wo ich meine Energie aus dem Sonnenlicht beziehe und höchstens Flüssigkeiten zu mir nehme.
Dies klingt wie eine sehr fortgeschrittene Technik…Kannst die „Lichternährung“ genauer beschreiben? Hat es was mit dem Sungazing bzw. Sonnenyoga gemein?
Dies ist eine sehr alte Technik. Mein Großvater väterlicherseits praktizierte sie. Sungazing ist nur eine der vielen Methoden, um den Köper an die Sonnenenergie anzupassen. Dazu gehören auch Atemtechniken und der Einsatz spezifischer Organe, um die solare Energie aufzunehmen. Des Weiteren gibt es Techniken, die es ermöglichen, diese gezielt in gewisse Körperteile weiterzuleiten, um sie dort zu sammeln.
Wie kam es, dass du nach Skandinavien bzw. Schweden kamst?
Ich war damals Student an der Universität in Peru und war zur gleichen Zeit auch politisch sehr aktiv. In den frühen 90er Jahren gab es in Peru viele Unruhen, die Zustände im Land waren chaotisch. Viele Studenten wurden damals verhaftet oder verschwanden gar. Meine eigenes politisches Engagement hatte zur Folge, dass mein Leben akut bedroht war und ich gezwungen war, mit vielen anderen Landsleuten Peru zu verlassen.
Das muss eine ziemliche Umstellung gewesen sein. Wie war es damals für dich, plötzlich in einer so anderen Realität zu leben?
Die Weisheiten und Lehren der indigenen Völker gaben mir die Kraft, sofort aktiv zu werden. Ich begann sogleich, die neue Kultur zu erkunden und studierte u. a. an der Universität. Ich wollte die westliche Kultur auch von einem akademischen Standpunkt aus verstehen lernen und zugleich Einblicke bekommen, wie die Gesellschaft funktioniert. Der Umzug nach Europa und speziell in den Norden Europas war für meine Identitätsfindung wichtig. Ich hatte die Möglichkeit über den ganzen Kontinent Europa, sein System, seine Natur, seine Gesellschaft und Probleme zu lernen. Ich konnte viel lernen und ich befand mich in einem Identitätsprozess, bei dem ich mich an die Realität der westlichen Welt anpassen musste. Ich lernte die Sprache, die Kultur kennen und integrierte mich in die Gesellschaft. In diesem Prozess begann ich die Bedeutung meiner eigenen Identität zu verstehen.

Wie sahen die Anfänge deiner Arbeit aus?
Die Menschen im Norden Europas waren sehr offen und sie waren sehr daran interessiert, mehr über die alten Traditionen zu lernen. Überall wo ich hinkam, teilte ich mein Wissen mit den anderen. An der Universität zum Beispiel teilte ich mein Wissen über Meditation oder Ernährung mit anderen Studenten. Als ich dann eine zeitlang als Lehrer an einer Schule arbeitete, floss das alte Wissen ganz natürlich mit in den Unterricht ein. Die Arbeit der Tawa Plattform begann ganz offiziell jedoch erst 2005. Der Prozess war dabei ein sehr natürlicher. Ich stand immer in engem Kontakt mit der indigenen Gemeinschaft und blieb auch immer politisch aktiv.
Wer ist Teil von Tawa?
Ich kann dir keine genaue Zahl nennen, denn einige der Personen, die uns anfangs behilflich waren, sind in die Region der Anden zurückgekehrt. Andererseits sind viele neue Menschen dazugekommen. Es gibt viele Freunde, die mithelfen neue Kreise aufzubauen und ständig kommen neue Menschen dazu. Außerdem müssen wir auch die vielen aktiven Mitglieder in Südamerika und anderen Teilen der Welt beachten. Es handelt sich um eine ständig wachsende Gemeinschaft, ein internationales Netzwerk.
Wie sieht deine Arbeit konkret aus?
Auf der praktischen Ebene ist die indigene Perspektive eine ganzheitliche. Wir wollen die spirituellen, sozialen und kulturellen Aspekte unserer Realität teilen. Wir haben schon viele Kampagnen unterstützt, so z. B. eine Aktion zur Erhaltung des Regenwaldes im Amazonas-Gebiet, wo die indigenen Einwohner gegen einen Konzern kämpften. In diesem spezifischen Fall drang nur sehr wenig Information an die Öffentlichkeit. Als wir also von Skandinavien aus zusammen mit diversen Organisationen die Kampagne starteten und viel „Rummel“ machten, wurde das Thema plötzlich publik und weckte die Aufmerksamkeit der internationalen Medien. Wir konnten damit tatsächlich die Zerstörung stoppen! Außerdem lehren wir auf praktischer Ebene den Anbau und den Erhalt der pflanzlichen Vielfalt. Wenn die Menschen bei den Anbauprojekten die Werkzeuge in die Hand nehmen, in der Erde graben, können sie die Verbindung zur Erde herstellen.
Es ist sehr wichtig, dass wir über Anbau lernen, wie wir selber das erzeugen können, was wir für´s Leben brauchen. Wenn wir damit beginnen, lernen wir alles über die Verbindung mit Mutter Erde.
Wir arbeiten auch mit Gruppen zusammen, die angefangen haben, in Schweden an öffentlichen Orten Bäume zu pflanzen. Es gibt auch diverse Anbauprojekte in Finnland. Die Menschen haben die Gelegenheit, zusammen draußen zu sein, Spaß zu haben, ganz konkret die Erde zwischen ihren Fingern zu spüren, zu sehen wie die Pflanzen wachsen.
Gleichzeitig sind wir immer aktiv damit beschäftigt, unsere indigene Gemeinschaft in Süd-Amerika zu unterstützen. Wir helfen auf materieller Ebene aus oder unterstützen mit der Technik, machen z.B. Videos oder stellen Geräte zur Verfügung. Es gibt dort eine reiche Szene, die wir dabei unterstützen, Musik, Filme oder Dokumentationen zu machen.
Jedes Mal, wenn ich nach Süd-Amerika reise, teile ich meine Erfahrungen aus dem Norden mit den Menschen dort. Vor allem die Jugend ist sehr interessiert daran, von der Realität im Westen zu hören, da sie diese ja oft nur aus dem Fernsehen kennen. Also teile ich ihnen meine Erfahrungen mit und ich versuche, ihnen auch die Wichtigkeit der alten Lehren zu verdeutlichen. Ich berichte ihnen über das Interesse des Westens an unseren Traditionen und über den Respekt, den sie uns entgegen bringen. Auch das ist ein konkreter, praktischer Aspekt unserer Arbeit. Es ist einfach wichtig, unsere Erfahrungen zu teilen. Dadurch profitieren beide Seiten: die westliche Welt und die indigene Gemeinschaft.
Du hast also auch eine wichtige Aufgabe in deinem Heimatland?
Ja. Momentan ist die Lage so, dass viele junge Menschen der Andengemeinschaft eine verfälschte Selbstwahrnehmung haben. Sie schämen sich für ihre indigenen Wurzeln. Wenn sie mir begegnen, sind sie überrascht und denken: Wow, dieser Mann ist im Westen und er wird respektiert! Ich glaube, es findet wirklich eine spirituelle Revolution statt.
Was sind die wichtigsten Lehren, die du in deinen Workshops zu vermitteln versuchst?
Letztlich geht es um Identität, darum herauszufinden, wer wir sind. Wo ist unser Platz in der jetzigen Realität? Wenn wir wissen, wer wir sind und uns dieser Frage stellen, öffnen wir uns zugleich für ein neues Bewusstsein. Meine Arbeit besteht darin, den Menschen die indigenen Techniken zu lehren, die dabei helfen die Fragen zu beantworten. Doch der wichtigste Punkt in den Lehren ist die Verbindung mit Mutter Erde. Mutter Erde verstehen wir als ein lebendes Wesen mit einem Bewusstsein. Wir sollten eine Verbindung zu ihr aufbauen, um wahres Glück zu erreichen.
Es gibt hunderte verschiedene Techniken, die dabei helfen, diese Verbindung mit der Natur, uns selbst und Mutter Erde wieder herzustellen: Zeremonien, Tänze, Feste und Gesänge… Die verschiedenen indigenen Völker rund um die Welt, nicht nur in Süd-Amerika, zeigen, dass dieses möglich ist. Vor allem diese Völker hat man immer wieder versucht zu kontrollieren, zu verfolgen oder sogar auszurotten. Trotz dieser oft tragischen Geschichte ist es gelungen, die wichtigen Lehren zu erhalten: Grundlegende Informationen darüber, wie wir als menschliche Spezies überleben können.
Alle sprechen momentan über 2012. Was würdest du über dieses Jahr sagen und wie sieht deine Vision für die Zukunft aus?
Ich sage immer wieder, dass es sehr sehr interessant sein wird, dabei sein zu können, weil die Aufmerksamkeit der Menschheit auf diesen Zeitpunkt gerichtet ist. Das muss einen besonderen Grund haben. Bis es soweit ist, werden wir jedoch weiterhin mit konkreten und produktiven Aktionen weiterarbeiten, zum Wohle des Planeten und der Menschen.
Weiter arbeiten, arbeiten, arbeiten… unser Bestes geben. Mit all den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, mit unserem ganzen Herzen. Das Beste, was wir tun können, ist es, uns auf die Gegenwart zu konzentrieren, völlig bewusst im Jetzt zu sein, völlig gegenwärtig, völlig fokussiert, Ich glaube, dies ist die beste Vorbereitung, um wirklich bereit zu sein für die große Transformation, die uns alle betrifft.
Was genau besagt die Inka-Prophezeiung über die neue Zeit?
Wir glauben an die Prophezeiung der „Pachakuti“ (Anm. qechua: Zeitenwende), die eine Zeit der großen Veränderungen bedeutet. Die Tradition geht von einem Zeitzyklus aus, der sich wiederholt. Diese Zyklen wurden durch das genaue Studium der Natur und der Sterne erfasst.
Wir sind dabei, in ein Zeitalter einzutreten, in dem wir mehr verbunden sind mit der Resonanz des Universums. Wenn wir offen sind und zuhören, können wir eine neue Ebene des Bewusstseins erreichen. Zugleich können wir ein Leben führen, in dem wir wieder in Glück und Harmonie, in Einklang mit der Pflanzen- und Tierwelt leben. Wir können wahre Mitschöpfer werden und beginnen das zu sehen, was uns verbindet, anstatt uns auf das Trennende zu fixieren.
Diese Prophezeiungen sind lediglich Richtlinien für die Menschheit, denn es handelt sich um einen dynamischen Prozess, der geändert werden kann! Die alten Kalender sind sehr fortgeschritten und in ständiger Interaktion mit dem Bewusstsein der Menschheit. Das ist sehr wichtig zu verstehen!
Würde dies bedeuten, dass wir die Zukunft mitgestalten können?
Genau, das meine ich!
Ich bedanke mich herzlich für das Interview!
Es hat mich auch gefreut! Es gibt wirklich keine Zufälle, das Interview kommt gerade zur rechten Zeit, da wir nun auch in Deutschland arbeiten werden!
Tawa bzw. Pedro Inkari organisiert nun auch Workshops in Deutschland. Am 4. Juni findet ein Workshop in Bonn statt, ein weiterer Workshop findet vom 18.-19. Juni in Berlin statt. Die Workshops beinhalten neben Grundlangenwissen u.a. Inka-Meditationen, eine Zeremonie, eine schamanische Reise und Klangheilung. Genauere Informationen zu den geplanten Workshops gibt es unter:
www.tawa.50webs.com
Fotos: Seppo Kanerva








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