Entsagung kontra Genuss
Intuitiv empfand ich ihre Gelüste als Zeichen dafür, dass sich ihr Körper nicht im Gleichgewicht befand. Wer gesund ist und plötzlich solche Heißhungerattacken erfährt, der hat sich zu lange beschränkt und kann seine eigenen Regeln nicht mehr anerkennen. Das gilt nicht nur bei der Entsagung bestimmter Nahrungsmittel sondern auch bei anderen Abstinenzen wie zum Beispiel beim Sex. Und Rita ist wahrhaftig nicht die Erste, die sich mit dieser Problematik hilfesuchend an mich gewandt hat. Sie ist verwirrt, weil ihr das Verzichten unendlich schwer zu fallen scheint und erkennt den Schritt zwischen Zügellosigkeit und Genuss nicht mehr.
Dass im Yoga häufig auch gegen den Genuss gewettert wird, will ich gerne zugeben, lesen wir doch im Vedantic Yoga, dass der Nutzen immer über dem Angenehmen stehen sollte. Dieser eine Satz galt vielen Generationen von Yogis als Zeichen dafür, dass die Wahl statt auf den Teppich doch eher auf den Betonfußboden fallen sollte. So angeleitet und zum Zölibat gedrängt scheint der Gewinn einer frühmorgendlichen Yogastunde gegenüber einer Extra Stunde Schlaf ungleich höher zu sein.
Bequemlichkeit und Vergnügen aber sind nicht länger verpönt, denn auch der Yoga hat sich mit der Zeit gewandelt und erkennt andere Ansätze an. Im tantrischen Yoga finden wir darauf schon einen Hinweis, denn hier heißt es: Manche Menschen denken, dass Yoga und Vergnügen nicht zueinander passen. Wo Vergnügen ist, kann Yoga nicht bestehen und umgekehrt. Einer meiner Lehrer empfahl einem schokoladesüchtigen Schüler, diese in winzigen Stücken zu genießen, als würde er sie einer Gottheit anbieten. So musste er sich den Genuss nicht versagen und wirkte der unersättlichen Gier entgegen. Seither mache ich es beim Verzehr ungesunder Süßigkeiten genauso.
Nach einem Artikel von Sally Kempton für das amerikanische Yoga Journal.








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