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Ein freiwilliges Leben auf der Straße

Claude AnShin Thomas hat einen langen Leidensweg absolvieren müssen, seit er als 18-jähriger im Vietnamkrieg war. Er durchlief Phasen von Alkohol-und Drogenabhängigkeit, ehe es ihm durch den Buddhismus gelang sich von seiner schwierigen Vergangenheit zu lösen. Heute ist er Mönch des Zen-Buddhismus und hat gerade ein Buch seiner Geschichte herausgegeben.

Dessen Titel „Am Tor zur Hölle – Der Weg eines Soldaten zum Mönch“ beschreibt seine leidvolle Erfahrung mit sich und den eigenen Ängsten. Zudem bietet AnShin Thomas die Teilnahme an Straßenretreats an. Bei diesen Retreats erklären sich die Teilnehmer bereit, ohne Nahrung und Hygiene, ja sogar ohne Obdach, eine ganze Woche lang gemeinsam auf der Straße zu leben.

Schon vorher gilt es einige Bedingungen zu erfüllen, denn es darf fünf Tage lang nicht geduscht werden und auch die Kleidung wird nicht gewechselt, ehe der Retreat beginnt und sich die Menschen gemeinsam auf einen Weg der Erkenntnis machen.

Was aber lässt sich erkennen, wenn man freiwillig auf der Straße lebt, und sei es auch nur für einen kurzen Zeitraum? AnShin Thomas erklärt in einem Interview, dass die Menschen schnell mit ihren eigenen Ängsten konfrontiert würden und mit den negativen Vorstellungen, die sie vom Leben auf der Straße haben. Es gilt zu erkennen, dass es sich dabei um Gedankenkonstrukte handelt, die dazu führen, dass man sich von der Furcht beherrschen lässt. Er rät dazu, die eigene Angst zu umarmen, sich ihr freiwillig zu nähern um den Sieg davon zu tragen. Dieser Sieg bedeutet in erster Linie die Heilung all der seelischen Gebrechen, die unser Leben heute bestimmen können. Man muss sich dem eigenen Leid nähern um Heilung erfahren zu können, ist seine persönliche Erfahrung.

Ein Mittel zum Zweck bei dieser Art der Selbstheilung ist das bewusste Gehen und Atmen. Bei der Vorbereitung auf solche Retreats fragt er gern danach, was im Leben der Teilnehmer die größte Bedeutung hat. Oft antworten diese, es sei der Partner, die Familie, die Kinder oder so pauschale Dinge wie Frieden und Liebe. Darauf fußt aber unser Leben nach seiner Erkenntnis nicht und so bittet er seine Assistentin, ihm von hinten Mund und Nase zu verschließen, bis er Atemnot bekommt.

Dann lässt sich schnell erkennen, dass unser Leben ohne diese Quelle des Ein-und Ausatmens nicht existieren könnte. Bei einer Wiederholung der Frage nach dem Stellenwert der Dinge und Menschen im eigenen Leben sieht die Antwort nun schließlich ganz anders aus. So lernen die Teilnehmer des Retreats von ihm, dass nichts so wichtig ist, wie jeder bewusste Atemzug und jeder deutliche Schritt, den man vorwärts geht. Dadurch gelingt es wieder anzudocken am eigentlichen Leben und die Wurzeln zu spüren, die im Lauf der Jahre verlorengegangen sind.

Nach Auszügen eines Artikels von Judith Becker für das deutsche Yoga Journal.

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