Wie kann ein Wochenende so rasend schnell vergehen? Zwar vergehen Wochenenden im Vergleich zu Arbeitstagen oft unerlaubt schnell, dieses Wochenende Ende Mai aber, an dem die 6. Yogakonferenz in Köln stattfand, verging noch schneller.
Gefreut hatte ich mich schon monatelang auf diese Konferenz und hin gewollt schon im vergangenen Jahr. Da jedoch hatte mein monetärer Spielraum nicht gereicht, will heißen, meine Finanzen waren (zu) knapp und die Familienkonferenz hatte kein grünes Licht gegeben. Dieses Jahr aber wollte ich definitiv nach Köln und hatte rechtzeitig mit dem Sparen angefangen. Die Teilnehmergebühr hatte ich überwiesen, einen Flug gebucht.
Eigentlich hatte ich als umweltbewußte und -gewillte Yogini mit dem Zug fahren wollen, was mir insgesamt mehr Vergnügen bereitet und so eine schöne Langsamkeit des Heranschleichens an den Zielort ermöglicht hätte.
Da alle günstigen Fahrkarten für die Bahn aber entweder schon vergeben oder nie aufgelegt wurden und ich einen ganzen Tag Urlaub sparen konnte, entschied ich mich dann, durch all diese Vorteile subtil korrumpiert, doch für einen günstigen Flug mit der Lufthansa.
Endlich war es soweit. Am Donnerstag hatte auf den Berliner Flughäfen noch das Bodenpersonal gestreikt und bei mir schon nervöse Unruhe verursacht und mich schon für Freitag, den geplanten Abflugtag das Schlimmste fürchten lassen. Aber nein, alles lief planmäßig, keiner streikte mehr und nach einem kurzen, angenehmen Flug von Berlin mit meist männlichen nach Dienstreise aussehenden Mitreisenden landete ich mit eingecheckter Yogamatte nach einer knappen Stunde pünktlich in Köln.
In meiner Pension angekommen, packte ich meinen Koffer aus, hielt dann erst einmal ein Stündchen Mittagsschläfchen und dann machte ich mich zu einem kleinen Stadtbummel durch Köln auf. Schlenderte über den Markt am Rudolfplatz, bummelte durch die endlosen Kaufrausch-Fußgängerzonen, sah den Kölner Dom in seinen dominanten Ausmaßen und setzte mich am Rheinufer in die Sonne. Unterwegs schaute ich auch gleich einmal im Studio der Veranstalter der Konferenz „Vishnus Couch“ vorbei.
In sehr schönen, farbenprächtigen und großzügigen Räumen in einem Kölner Hinterhof lief schon eine der insgesamt 3 Veranstaltungen der Pre-Conference mit Rod Stryker aus den USA mit dem Thema „Vinyasa Krama: The Energetics of Sequencing“.
Später dann holte ich mir in meiner Pension Yogaklamotten und Matte und machte mich in Richtung Pullmann Hotel auf. Hier sollte nämlich an diesem Freitagabend von 20 bis 22 Uhr die erste Community Class mit dem schönen Namen „Nightflight“ stattfinden.
Im Foyer des Hotel Pullmann war schon ordentlich etwas los, viele bunt gekleidete Yogis und Yoginis mit Yogamatten unter dem Arm standen mit überdurchschnittlich fröhlichen Mienen einzeln oder in kleinen Gruppen herum, erste Stände mit Yogakleidung, Büchern, Matten und Duftaccessoires waren oder wurden aufgebaut, es roch schon nach Räucherstäbchen und der Pre-Check-In hatte schon begonnen. Das absolvierte ich auch gleich vor Ort, denn am nächsten Morgen würde es zum eigentlichen Konferenzanfang bestimmt sehr voll werden.
Insgesamt 560 Yogis und Yoginis aus der ganzen Welt waren angereist, die Teilnehmerzahl war wohl jedes Jahr gestiegen.
Die Anmeldung lief sehr professionell ab, jeder bekam einen Umschlag mit seinen Teilnehmerunterlagen, Programm und bereits der persönlich ausgestellten Teilnehmerurkunde.
Schnell zogen wir uns um (es gab leider keine Umkleiden, man konnte sich nur im WC umziehen oder wer es relaxt genug sah, zog sich ganz locker direkt in den Veranstaltungsräumen um). Jetzt noch rasch die Schuhe aus und ab in den Ballsaal. Insgesamt hatten die Veranstalter 2 große Ballsäle im Erdgeschoss und 2 kleinere, ebenfalls sehr schöne Räume in der 12. Etage des Hotels mit beeindruckendem Blick über Köln angemietet.
Frank Schuler von Vishnu´s Couch eröffnete die Konferenz. Jetzt konnte dieses gigantische Yogawochenende beginnen. Konnten unsere hohen Erwartungen überhaupt erfüllt werden?
Dann, als wir alle gemeinsam das erste OM dieses Wochenendes sangen und gemeinsam übten, liefen mir erste kalte Schauer über den Rücken. Frank Schuler führte uns in dieser ersten Gemeinschaftsklasse zwei Stunden lang durch fließende, sehr schön komponierte und nicht zu anstrengende Yogasequenzen (schließlich mussten wir noch 2 Tage lang fit bleiben), die Musik legte Patrick Oancia, der ein Yogastudio in Tokio hat, auf, es gab phantastisches Licht und ein Beamer zeigte tolle Naturaufnahmen.
In diesem Ballsaal auf, über und zwischen unseren ganzen bunten Matten herrschte schon eine tolle Energie. Ich glaube, als Frank Schuler uns dann durch und aus Savasana führte, haben auch ihn große Emotionen berührt. Man hörte es an der Stimme. Denn auch so ein Lehrer wie er, der seit vielen Jahren Yoga unterrichtet, leitet nicht alltäglich eine Klasse mit Hunderten Yoginis und Yogis aus der ganzen Welt, die alle an einem Wochenende nach Köln gekommen waren, um nichts anderes zu machen als Yoga, Yoga, Yoga.
Nach dieser Klasse plauschte ich noch ein wenig mit einigen anderen Yogi(ni)s, ging dann noch etwas - natürlich alkoholfrei - trinken und dann lief ich „nach Hause“ in meine Pension, duschte, las einige Seiten in einem Krimi, studierte das Yogaworkshopprogramm der kommenden zwei Tage und fiel in tiefen Schlaf.
Am nächsten Morgen – brutal genug an einem Wochenendtag – klingelte schon um 6.15 Uhr mein Wecker. Noch war ich voll Energie und ohne Muskelkater und schaffte es, relativ flott aus dem Bett zu kommen. Mit Yogamatte und dem Tagesprogramm bewaffnet, schlich ich mich möglichst leise aus der Pension, um die anderen Gäste, die noch süß in ihren Betten schliefen, nicht zu wecken.
Bereits 8 Uhr begann die erste Workshopsession des Tages. Und eben hier begann die Qual der Wahl. Pro Tag an diesem Wochenende fanden jeweils 19 bis 20 Workshops bei phantastischen Lehrern aus der ganzen Welt statt. Nur, selbst wenn man jede Zeiteinheit zwischen 8 Uhr morgens und 20 Uhr abends wahrnehmen würde, könnte man rein zeitlich pro Tag nur 5 Workshops besuchen.
Soweit so gut. Aber zu wem ging man jetzt?: Zu Kundaliini-Yoga-Lehrerin Gurmukh aus den USA, dem so beliebten Power-Yoga-Lehrer Bryan Kest, zu Patricia Thielemann-Kapell von Spirit Yoga aus Berlin, Rod Stryker, Ganesh Mohan, dem Anusara-Lehreer Todd Norian, Christian Pisano und June Whittaker Pisano, Johanna von der Schafft aus den Niederlanden, zu Dana Flynn von Laughin Lotus, oder doch lieber zu Patrick Oancia aus Tokio, zu einem Pranayama-Kurs mit Richard Hackenberg, zu einem Jivamukti-Kurs mit Patrick Broome oder Gabriela Bozic, oder zu Rusty Wells oder oder oder????
Es war ein Geschiebe und Gezerre, meine Programmplanung passte ich im Laufe des Tages immer wieder neu an. Ich kam mir vor wie ein Kind vor einem paradiesisch großen Spielzeugladen. Du kannst theoretisch alles haben, aber du kannst dir aus diesem riesigen Angebot definitiv nur 5 Sachen wählen.
Und du willst in deiner Wahl auch verdammt noch mal nichts falsch machen. Weil - du willst eben als Kind nicht das tollste Spielzeug und als Yogi nicht die tollsten Lehrer verpassen.
Bei denen du vielleicht in deinem ganzen Leben nicht wieder (oder zumindest in den nächsten Jahren) Yoga lernen kannst, weil du nicht einfach in die USA oder Japan fliegen wirst, um einen Workshop bei Dana Flynn oder Patrick Oancia mitzumachen.
Da ich aber nicht endlos Zeit hatte, meine Optionen abzuwägen, fing ich einfach mit einem Workshop bei Johanna van der Schaft aus den Niederlanden an. Frau van der Schaft, die sich bereits seit 1978 intensiv mit Yoga beschäftigt und neben vielen anderen Lehrern zwei Jahrzehnte intensiv bei und mit Dona Holleman studiert hat, legte sehr großen Wert auf die anatomisch richtigen Ausführungen. Zwei von ihr ausgebildete Yogalehrerinnen machten vor, an welchem Punkt der Körper in der richtig ausgeführten Haltung quasi von selbst und ohne oder wenig Kraft in eine Übung/Asanas kommen muss. Interessant war ihr Ansatz, uns die Yogaübungen blind ausführen zu lassen.
Wir sollten unsere Augen verbinden und dann verschiedene Asanas langsam einnehmen. Das war eine sehr intensive Erfahrung von Yoga, da man die Übungen nun, ohne sehen zu können, viel intensiver, langsamer, bewusster ausüben musste und konnte, da man ja den Sinn Sehen nicht zur Orientierung nutzen konnte.
Schwierig wurde es nur bei den anspruchsvolleren Asanas. Denn, wenn ich Handstand schon so nicht ausführen kann, dann erst recht nicht mit verbundenen Augen. Einige der Teilnehmerinnen wirkten deshalb im Anschluss an den Workshop etwas unzufrieden, weil die Übungen eben recht schwer und ein ganz korrektes Alignment nicht jeder Yogi(ni)s Sache sind.
Mein nächster Programmpunkt war ein Workshop „Yoga und Gesang“ bei Amrit Stein. Da dieser in der 12. Etage stattfand, hieß es, schnell Schuhe anziehen und mit dem Fahrstuhl hochfahren. Im Fahrstuhl befanden sich viele Yoginis und Yogis in bunter Kleidung, mit Matte unterm Arm. Ebenfalls im Fahrstuhl ausgesprochen konventionell gekleidete Gäste des Hauses, die uns bunte Vögel auf ihrer kurzen Fahrt bis in ihre Hotelzimmeretage befremdet oder auch, wenn in etwas gelassenerer Stimmung, neugierig und amüsiert musterten.
Oben in der 12. angekommen, konnte ich gerade noch so einen Platz erhaschen. Da wir sehr eng saßen, konnte Frau Stein aus München (leitet ebenda das Iyengar-Yoga Institut PRANA), mit uns fast nur Gesang und wenig Yoga üben. Trotz eklatantem Platzmangel, ließ sie uns einige Asanas ausführen, die laut ihrem Anspruch und Aussage, ideal für die heilende Wirkung des Singens genutzt werden können und die „das Instrument Körper“ richtig zum Singen aufbauen.
Mithilfe einer alt-überlieferten indischen OM-Technik, die die Stimmlippen kräftigen und geschmeidig machen soll, sangen wir gemeinsam viele OM`s und ließen unsere Stimmlippen locker auf dem m vibrieren. Sehr gefiel mir die musikalische Begleitung von Tetsuo Nihei, der die Sitar – leider nur kurze Sequenzen – spielte.
Nach Amrit Stein gab es erst einmal eine längere Mittagspause für alle Teilnehmer. Auch Yoginis und Yogis haben schließlich Hunger und Durst. Im Erdgeschoss hatte man vom Hotel ein nettes Catering aufgebaut, man konnte aus verschiedenen vegetarischen Haupt- und Nachspeisen wählen. Alles war nicht ganz preiswert, wirklich schmerzten mich aber die 5 € für eine große Wasserflasche.
Als nächstes wollte ich den Workshop „Prana Shakti“ bei Patrick Oancia besuchen. Rechtzeitig fuhr ich also wieder hoch in die 12. und sicherte mir – langsam fing ich an, strategisch zu denken – meinen Platz mit meiner pinken Yogamatte. Patrick Oancia, der in Tokio sein Studio „YogaJaya“ leitet (geboren in Hong Kong, aufgewachsen in Spanien und Kanada), ist schon visuell eine interessante Erscheinung. Groß, ohne Haar-, aber mit Bartwuchs, sehr schönen blauen Augen, sind seine Arme komplett tätowiert, wie er sagte, ein Überbleibsel aus seiner Zeit als Punkrocker (Musiker und DJ ist er immer noch). Er trägt ein schwarzes T-Shirt, darauf lesen wir den Schriftzug „unlearn“.
Oancia, der in seinem bisherigen Yogaleben – ebenfalls nach eigenen Aussagen – endlos viele Teacher Trainings rund um den Globus absolviert hat, lässt uns dann unsere Praxis in ungewöhnlicher Reihenfolge beginnen. Erst meditieren wir, dann machen wir gemeinsame Atemübungen, vor allem Nadhi Sodan (Wechselatmung) und haben dann noch Zeit für eine fließende Hatha Yoga-Sequenz.
Zwar muss ich – so kurz nach der Mittags- und Essenspause – während der Meditation gegen meine beginnende Müdigkeit ankämpfen, was mir nicht immer gelingt (einige Male nicke ich weg) aber Patrick Oancia, seine sehr natürliche, sehr bescheidene Art und seinen Unterrichtsstil empfinde ich als sehr angenehm. Wie schade: Tokio ist leider zu weit weg, sonst würde ich gern mehr Stunden bei ihm nehmen.
Nach Patrick Oancia und seinem Workshop hole ich mir noch schnell zur Stärkung einen Happen am Büffet und dann gehe ich ganz entspannt zu Todd Norian. Seine Stunde, der er das Motto „Plant Seeds of Joy with beckbending“ gegeben hat, findet im Ballsaal statt und da ist genug Platz für Jeden.
Todd Norian, ein kleiner, drahtiger, blonder Mann in den Vierzigern, ist ein 2002 von John Friend zertifizierter Anusara-Yoga-Lehrer und bietet mittlerweile selbst ein 200 Stunden-Teacher Training an. Seinen ausgelegten Werbezetteln kann ich entnehmen, dass er quasi das ganze Jahr auf Yogatournee unterwegs ist. Er lässt uns die Stunde ganz relaxt beginnen, in dem wir jeweils unsere Mattennachbarin/-nachbarn massieren sollen und uns dann im Gegenzug von diesen massieren lassen können. Eine gute Idee, wie ich finde.
Todd Norian hat den Anspruch seines Workshops so gefasst: „Entdecke die Kraft der Gedanken in diesem vibrierenden Universum und erkenne den eigentlichen Zweck des Daseins. Pflanze Samen der Freude im fruchtbaren Grund deines Herzens und verbinde dich mit der Natur. Vor deinen Augen entfalten sich die Wunder der eigenen Schöpfung.“
Tja, ganz so hat sein Unterricht bei mir nicht gewirkt, ich habe auch keine Wunder der Schöpfung bei den Rückbeugen, die wir übten, entdeckt, Spaß hat der Unterricht bei ihm aber dennoch gemacht. Er erzählte humorvoll kleine Stories – auch von seinen Anfängen, z. B. über den schmerzlichen und langen Prozess, den er als Neu-Yogi brauchte, um Kopfstand zu lernen. Norian machte viele Übungen vor und gab uns Teilnehmern gezielte Adjustments.
Nach einer kurzen Pause gehe ich dann zur letzten Stunde des Tages, zu dem Amerikaner Rusty Wells. Über Rusty Wells hatte ich schon viel gelesen, seine Stunden im Vinyasa-Stil sollen definitiv anstrengend, aber verspielt sein. Titel seines Workshops „Bhakti Flow: Resove to Evolve“. Rusty, dem man bei seinen Anhängern in und um San Francisco eine regelrechte „Rusty-Mania“ nachsagt, chanted erst einmal mit uns, erzählt kleine spirituelle Geschichten, spricht mit uns über die Yamas und Niyamas und lässt uns dann in anstrengenden Sequenzen fließen und schwitzen. Ihm merkt man die Freude am Unterrichten an, er gestaltet seine Stunde unkonventionell, spielerisch, aber nicht hohl.
Durch Savasana führt er uns mit seinen Gedanken zum Yoga, läuft dabei durch die Reihen und schwenkt Räucherstäbchen über unseren Köpfen. Einige letzte gemeinsame OMs und schon ist seine Stunde vorbei.
Fast alle haben ein Lächeln im Gesicht. Rusty und sein von ihm kreierter Bhakti-Flow haben offensichtlich Spaß und Freude bereitet.
Viele sind wohl nach diesem langen Yogatag k.o., andere haben vielleicht noch etwas in Köln vor, jedenfalls finden sich nur noch knapp die Hälfte aller Teilnehmer der Konferenz beim Konzert mit Sean Johnson and the Wild Lotus Band und ihrem Abend of Mystic Mantra Musik ein. Die Stimmung jedoch ist wunderbar, wir chanten glücklich und mit voller Stimme und Seele. Erst spät am Abend lande ich in meiner Pension, gehe nur noch kurz duschen, dann sofort ins Bett. Meinen gestern angefangenen Krimi schaffe ich nicht, weiterzulesen. Falle in tiefen Schlaf.
Am nächsten Morgen jubelt mich mein Handy wieder um 6.15 Uhr aus der Nacht. Ich jedoch fühle sofort, dass ich mich nicht gut fühle. Gar nicht gut, sondern müde, erschlagen und voller Muskelkater. Ich KANN nicht aufstehen. Ich schmeiße die erste Stunde und lege mich noch einmal ins Bett. Zwei Stunden später gelingt dann der Versuch, aufzustehen. Schließlich war ich ja nach Köln nicht zum Schlafen gefahren - jetzt hieß es, Zähne zusammenbeißen, anziehen, Matte schnappen, losgehen. Unterwegs noch ein Brötchen beim Bäcker geholt und schnell einen Kaffee getrunken, dann Ankunft und Plausch im Hotel mit anderen Yoginis, die ich gestern schon gesprochen hatte. Wir tauschten unsere Erfahrungen über unsere Lehrer am gestrigen Tag aus und dann war es schon wieder Zeit, in den nächsten Workshop zu gehen.
Ich hatte in die engere Wahl Bryan Kest mit seinem Power Yoga LA-Style und den Deutschen Richard Hackenberg gezogen. Bryan Kest macht zwar immer Spaß, aber da ich ihn und seinen unkonventionellen Yogastil schon aus Berlin von einigen Workshops „kannte“ und ich diesen blöden Muskelkater hatte, entschied ich mich für Richard Hackenberg, der einen 2 ½ stündigen umfassenden Workshop zu Theorie und Praxis des Pranayama als, wie er seine Stunden selbst betitelte, heilende Kraft gegen Stress, Selbstüberforderung und Burn Out für alle Level anbot.
Der Workshop gefiel mir ausnehmend gut. Er ließ uns mit leichten Dehnungsübungen unseren Körper öffnen und wach werden, einige Asanas und dynamische Sonnengrüße ausführen, bevor Richard Hackenberg, seit 30 Jahren praktizierend, nach einer kurzen Meditation aus seinem reichen Erfahrungsschatz berichtet. Seit Jahren unterrichtet er Pranayama, Asanas und Anatomie in Teacher Trainings in Deutschland und der Schweiz. Mit einem Partner ließ er uns Atemübungen ausführen, den Atem verlängern, führen, übte mit uns Nadi Sodhan, Bastrika und Kaphala Bhati.
Am Schluss sangen alle Teilnehmer gemeinsam noch das wunderbare Mantra „Ra Ma Da Sa Se So Hung“ (Sonne, Mond, Erde und All sind identisch mit meinem Selbst). Dieses kraftvolle, klare gemeinsame Singen aus Hunderten Kehlen und die entrückt, ja schön aussehenden Gesichter der Yogis, die ich bei verstohlenen Blicken um mich herum beobachten durfte, war so ergreifend, dass mir am zweiten Tag in Folge schon wieder kleine Rührungsschauer über den Rücken flurrten.
Ob es den Anderen um mich herum auch so ging? Emotional gefüttert, mit gutem Prana versorgt, konnte ich mich am Mittagsbuffet mit einer leckeren Dhalsuppe und einem Obstsalat zum Nachtisch versorgen.
Nach der Pause, nahm ich zunächst am Workshop von Dana Flynn „Vinyasa Yoga: Dancing Ganesh“ teil und danach besuchte ich den Workshop von Jasmin Tarkeshi „Vinyasa Yoga: Gita Vinyasa“. Beide gehören eigentlich zusammen, leiten doch die beiden Damen sehr erfolgreich in New York und San Francisco ihre Studios „Laughing Lotus Yoga Center“ und veranstalten dort auch ihre jährlichen Teacher Trainings. Diese beiden Yoga-Ladies verfügen über so viel Shakti, wie sich das jede Yogini und jeder Yogi nur wünschen kann.
Man hatte bei ihnen den Eindruck, dass sie über endlose körperliche Energie, Humor, Yogawissen verfügten und vor allem strahlten sie – besonders Jasmin Tarkeshi – Lebensfreude pur aus.
Auch hier wurde zunächst gechanted, dann erzählte uns Jasmin Tarkeshi Episoden aus der Bhagavad Gita und dann ging es zur körperlichen Praxis. Sie machte gegen Ende ausgesprochen anspruchsvolle Asana-Sequenzen vor, denen nur noch wenige Teilnehmer erfolgreich folgen konnten. Sie gab uns jedoch – zum Trost – immer mögliche leichtere Alternativen vor. Yoga mit diesen beiden Frauen hat definitiv viel Freude gemacht.
Mir fiel nach diesem Workshop ein Ausspruch einer der Yogis, mit denen ich am Samstag in einer der Pausen beim Essen geplaudert hatte, ein. Er hatte gesagt: "Ja, du wirst dich wundern. Erst geht es langsam los. Du besuchst die Workshops, bist mitten drin. Dann ist plötzlich der Samstag vorbei. Dann beginnst du mit dem Sonntag, immerhin liegt noch ein ganzer Tag Yoga vor dir und dann, ehe du dich umsehen kannst, ist die komplette Yogakonferenz vorbei.“
Auch wenn es noch nicht ganz soweit war, tatsächlich aber lag nur noch ein einziger Workshop vor mir. Konnte ein Wochenende wirklich so schnell vergangen sein? Schwer war die Entscheidung, welchen Workshop ich nun als würdigen Abschluss einer tollen Yogazeit wählen sollte. Es gab noch einmal sehr interessante Alternativen: Todd Norian, Bryan Kest, Gurmukh Kaur Khalsa und Patricia Thielemann-Kapell standen zur Auswahl.
Schwer fiel mir die Entscheidung zwischen Gurmukh und Frau Thielemann-Kapell, die einen Vortrag über die Kunst des Yoga-Lehrens halten wollte, der mich als Yogalehrerinnen-Frischling sehr gereizt hätte. Da ich aber als Berlinerin näher an Frau Thielemann-Kappell, die in Berlin ihr Spirit-Studio betreibt, dran bin, entschied ich mich dann doch für die Kundalini-Ikone Gurmukh aus Los Angeles, die ich schon einmal in Berlin als sehr inspirierende Lehrerin erlebt hatte.
Der Workshop mit dem Titel: „Kundalini Yoga: Training the Mind – A life beyond our fear as we enter into the golden age“ begann. Zwei junge Frauen neben mir fragten mich noch schnell, was denn das für eine Lehrerin wäre. Ich schwärmte ihnen etwas vor, hatte mich Gurmukh mit ihren Übungen, ihrem Chanten, ihrem sehr abwechslungsreichen und persönlichen Unterricht und vor allem ihrem philosophischen und spirituellen kurzen Vortrag bei dem Workshop in Berlin sehr beeindruckt.
Gurmukh in ihrer Kleidung aus weißen, kostbaren Stoffen, tollem Schmuck, ihrem Turban sah beeindruckend aus, wie sie da vorn auf der kleinen Bühne saß.
Ebenfalls mit nach Köln gekommen war ihr Mann, der bescheiden im Hintergrund saß und ihren schon legendären großen Gong hatte Gurmukh auch mitgebracht. Die Stunde, ich kann nicht drumherum reden, wurde für mich und viele andere um mich herum, eine zunächst – zumindest – körperliche Qual.
Nach kurzen Erwärmungsübungen, die uns überwiegend Nicht-Kundalinis – in ihren Wiederholungen – etwas fremd erschienen, ließ uns Gurmukh im Verlauf der Rest-Zeit des Workshops nur noch vier Asanas einnehmen. Diese aber sollten wir lange, lange, noch länger – jeweils ca. eine Viertelstunde, wenn nicht länger halten.
Wenn man eine Minute locker in einer Übung bleiben kann, zwei Minuten noch gehen, drei Minuten langsam mühselig werden, beginnt irgendwann der Schmerz.
Diese Übungen waren hart. Sich und seinem Körper, vor allem aber seinem Geist zu sagen: Komm mach weiter, du willst das schaffen, obwohl einem alles weh tut und man sich nichts sehnlicher wünscht, aus dieser Haltung rausgehen zu können und einfach locker zu lassen. Gurmukh saß derweil gelassen vorn, sagte nur die Übungen an, trank Wasser aus ihrem Glas, wie ich bei einer Übung beobachten konnte.
Wir Teilnehmer litten. Wir wollten aber halten. Auch ich. Ich wollte mich selbst und meine Schwäche überwinden, nicht schlapp machen. Auch feuerte mich an, dass die meisten um mich herum ebenfalls durchhielten. Und Gurmukh versuchte uns zu helfen, mit ihren Worten: „Only 5 further minutes. You can do it. Hold on. Try and hold.“ Mir half es nicht wirklich. Im Gegenteil schoss mir durch den Kopf: Nein, ich kann jetzt schon nicht mehr, wie – um Himmels willen – soll ich weitere fünf!!! Minuten aushalten.
Die Mädchen neben mir schauten manchmal zu mir rüber. Ich schämte mich fast für meine euphorische Anpreisung. Ich hatte doch nicht mit sowas (Anstrengendem) gerechnet.
Komischerweise, je länger wir es aber schafften in der jeweiligen Position zu bleiben, obwohl einem alles und besonders das angespannte Körperteil furchtbar weh tat, der Schweiß rann, je mehr Glückshormone schienen sich im Körper zu bilden. Meine Nachbarin und ich begannen nach ca. 10 min in Halasana zu lachen. Ich flüsterte flehentlich: Hör auf! Weil es nichts Schlimmeres gibt, als in Halasana lachen zu müssen, weil die Bauchmuskeln und das Zwerchfell in dieser Position mit den Beinen über dem Kopf so gar keinen Spielraum zum Lachen haben und man weiß, man muss noch mindestens 5 weitere endlose Minuten schaffen, in dieser Position zu bleiben. Wir schafften es, mit dem Lachen aufzuhören.
Ich gewann etwas darin zu entdecken, meine Komfortzone zu überschreiten, meine Grenzen auszudehnen und zu erkennen, dass man mit motiviertem Geist mehr schaffen und ertragen kann, als man sich selbst zugetraut hätte.
Und irgendwann zwischen dem Schmerz und den inneren Stimmen des Verstandes, die mir aufmüpfig und ja scheinbar sehr vernünftig zuraunten: Hör auf, geh raus aus der Übung, was soll das denn?, wurde ich innerlich ganz ruhig, konnte die Asanas als Meditation erspüren und Zeit verlor ihre Dimension. Ich war in der Zeit.
Plötzlich hatten wir es wirklich geschafft. Gurmukh führte uns ganz langsam aus Halasana. Wirbel für Wirbel rollten wir achtsam und vorsichtig aus der Übung. Ich fühlte mich geschunden und der Rücken führte sich zunächst komplett zerstört an. Dann aber floß das Blut wieder verstärkt und gleichmäßig durch den Körper, man spürte diesem Gefühl nach. Dankbar lag man schon eine Minute später in seiner natürlichen Streckung auf der Matte: Wie schön das war, wie gut sich das anfühlte, ausgestreckt sein zu dürfen, plötzlich körperlich so viel Platz und Raum zu fühlen!
An diesem Punkt begann Gurmukhs Mann den Gong zu schlagen. Töne, Entspannung, Entspannung, Klänge rauschten plötzlich ungebremst und dynamisch, an- und abschwellend ungehindert durch die Ohren ins Bewusstsein und den Körper. Hatte ich gerade das Gefühl in einem traumschönen Klangbett zu liegen, wurde der Gong dynamischer und in anderem Rhythmus geschlagen und führte mich durch neue Assoziationsketten. Irgendwann verebbten (leider) die Klänge und die Stunde bei Gurmukh war vorbei: ein anstrengendes, aber ein inneres Abenteuer.
Nach dem letzten Workshopteil gab es nun nur noch einen allerletzten Programmpunkt: die Closing Ceremony. Leider konnten offenbar viele daran nicht mehr teilnehmen, der absolute Großteil der Yogi(ni)s packten ihre Matten, ihre Sachen, zogen sich um, viele umarmten sich zum Abschied „vielleicht bis zum nächsten Mal“. Viele mussten sicher nach Hause, zu Zug, Flugzeug, Auto, zu ihren Familien – was auch immer.
Bedauerlich war das trotzdem, denn die Closing Ceremony schloss die Konferenz nicht nur ab, sondern machte sie richtig rund. Gurmukh sprach einige schöne Abschiedsworte, die nicht nur inhaltlich beeindruckten, sondern auch besonders wirkungsvoll waren, weil plötzlich durch die großen Fenster in dem tollen Raum in dieser 12. Etage, nicht nur wie in den letzten Stunden ewiger Regen zu sehen war, sondern die Sonne voll ins Zimmer schien und direkt Gurmukh anleuchtete. Wau. Perfekte (höhere) Regie.
Nach diversen kleineren Programmpunkten führte Amrit Stein in indischen Gewändern noch einige traditionelle indische Tänze vor, dann sangen wir Kirtan mit Sean Johnson and The Wild Lotus Band und dann wurde getanzt.
Wild, happy, ausgeflippt tanzten wir da oben alle gemeinsam in dieser 12. Etage, die wenigen noch gebliebenen Teilnehmer, viele der Yoga-Ikonen dieser tollen Konferenz und wir alle freuten uns, so ein tolles Wochenende erlebt zu haben, überhaupt leben und tanzen (und nach Gurmuks hartem Unterricht überhaupt noch seinen Körper bewegen) zu können.
Bryan Kest, Jasmine Tarkeshi, Dana Flynn tanzten ausgelassen, Patrick Oancia machte Bilder und die Veranstalter – die vier von Vishnus Couch (Amy Heger, Judith Hennemann, Frank Schuler und Nicole Bongartz) – strahlten erschöpft, aber glücklich in die Kamera. Geschafft. Hut ab vor dieser Leistung der Vishnus und ihren vielen Helfern. Bryan Kest bedankte sich im Namen aller Lehrer für die tolle Konferenz und fügte noch ein „We love you.“ nach.
Irgendjemand fragte noch: „Und – gibt es wieder eine Konferenz – nächstes Jahr?“ Nicole Bongartz ließ eine kleine Pause und antwortete dann bedächtig (ich fürchtete schon ein Nein): „Ja, nächstes Jahr. Klar.“ Letzte „Tschüs, machts gut“ machten die Runde. Wehmut machte sich breit. Auch ich nahm meine Sachen und drehte mich nur am Ausgang noch einmal um, mit viel Muskelkater in den Gliedmaßen, aber glücklich und sehr inspiriert von einer tollen Konferenz.
Die Autorin Martina Strauss ist begeisterte GerademitderPrüfungfertig-Yogalehrerin in Berlin und gibt einen Yogakurs in Berlin-Schöneweide in der Villa offensiv 91.
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